Mindestlohn: Lohnungleichheit wächst weiter

Fünf Monate ist der Mindestlohn nun alt und erste Studien belegen nun: Der große positive Effekt bleibt bisher eher noch aus. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung beweist: Die Einkommensschere öffnet sich weiter denn je. Die Gutverdienenden verdienen immer mehr, die Schlechtverdiener kommen immer schlechter weg.

Tarifflucht der Arbeitgeber als Ursache

Seit rund 25 Jahren ist ein deutlicher Trend weg von der Tarifbindung erkennbar. Von ehemals 60 Prozent tarifgebundenen Unternehmen sind nur noch 35 Prozent geblieben. Und auch die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer schwinden: Während einst mehr als vier von fünf Arbeitnehmern tarifgebunden waren, sind es heute nur noch etwas mehr als drei von fünf.

Weitere Öffnung der Lohnschere

Die Bertelsmann-Studie zeigt, dass dies die in Deutschland vorherrschende Lohnungleichheit verschärft. Die Forscher konnten nachweisen, dass ebenfalls in den vergangenen 25 Jahren die Besserverdienenden die großen Gewinner waren. Im oberen Fünftel stiegen die Reallöhne, um die Inflation bereinigt, um stolze 2,5 Prozent. Das untere Fünftel hingegen musste einen Rückgang des Lohns um 2 Prozent hinnehmen.

Damit entwickeln sich die Schlechtverdienende immer weiter von den Bessergestellten weg. Diese weitere Öffnung der Lohnschere ist durchaus kritisch zu beäugen, auch wenn die Lohnungleichheit in Deutschland noch nicht dasselbe Ausmaß angenommen hat wie in vielen anderen Ländern.

Veränderter Arbeitsmarkt

In den vergangenen Jahren ist es zwar gelungen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Doch handelt es sich dabei sehr häufig um Stellen, die überwiegend im Niedriglohnsektor angesiedelt sind. Dies kommt durch flexible Arbeitszeit- und Entlohnungssysteme, Teilzeitmodelle und Minijobs zustande. Der Anteil der Menschen, die im unteren Lohnbereich beschäftigt sind, steigt langsam aber kontinuierlich an. 2010 arbeitete bereits jeder fünfte Deutsche in einem Niedriglohnjob.

Der Mindestlohn war immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung, doch reicht dies noch lange nicht, um die weitere Verschärfung der Lohnungleichheit zu verhindern oder sogar eine rückläufige Entwicklung zu erreichen. Dies ist außerdem auf dem Hintergrund zu sehen, dass von dem vielgelobten Mindestlohn einer aktuellen Studie zufolge nur vergleichsweise wenig Menschen profitieren.

Nur 4,4 Prozent profitieren vom Mindestlohn

Einst versprach das Bundesarbeitsministerium etwa 3,7 Millionen Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren sollten. In den alten Bundesländern sollten rund 13 Prozent der Beschäftigten unter den Mindestlohn von 8,50 Euro fallen, in den neuen Bundesländern sogar 20 Prozent. Eine durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführte und veröffentlichte Studie zeigt jedoch, dass diese Zahlen zu hoch gegriffen sein dürften.

Ein möglicher Erklärungsansatz für diese großen Differenzen könnte darin liegen, dass die IAB-Betriebsbefragung zeitlich relativ nahe an der Einführung des Mindestlohns lag. Rund sieben Prozent der Betriebe hatten ihre Löhne bereits angepasst, noch bevor der Mindestlohn sie Anfang 2015 dazu gezwungen hätte. Außerdem klammerte das IAB Unternehmen aus, die nur Minijobber beschäftigen, sowie Zielgruppen, die vom Mindestlohn nicht erfasst werden, beispielsweise Praktikanten, Auszubildende und Erntehelfer.

Mindestlohn je nach Branche und Region sehr ungleich verteilt

Wie sich herausstellte, sind vom Mindestlohn längst nicht alle Regionen und Branchen gleich verteilt. Bundesweit betrachtet beschäftigen zwölf Prozent mindestens einen Mitarbeiter, der aufgrund seines niedrigen Lohnniveaus Anspruch auf den Mindestlohn hat. Deutlich höher sind die Werte allerdings beispielsweise in den neuen Bundesländern. Alleine in Sachsen ist beinahe jeder dritte Betrieb (32 Prozent) von der Einführung betroffen. Im Vergleich dazu steht Baden-Württemberg deutlich besser da: Gerade einmal sieben Prozent der Unternehmen fallen hier unter die Geltung des Mindestlohns.

Auch bei den Branchen gibt es große Unterschiede. Besonders betroffen sind typische Niedriglohnbranchen wie das Gastgewerbe, aber auch Verkehr & Logistik sowie die Nahrungs- und Genussmittelbranche. Je nach Branche trifft es hier etwa jedes dritte bis fünfte Unternehmen. Vor der Einführung des Mindestlohns hatte in solchen Betrieben mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer einen Stundenlohn von unter 8,50 Euro pro Stunde.

Folgen des Mindestlohns

Wohin der Mindestlohn letzten Endes führen wird, kann derzeit noch niemand absehen. Klar ist allerdings, dass gerade stark betroffene Unternehmen zwingend darauf reagieren müssen, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Egal ob die Arbeitgeber nun die Arbeitszeiten reduzieren, um das bisherige Niveau der Lohnkosten zu halten, die Preise anheben, um die Mehrkosten abzufangen, oder direkt zum Abbau von Arbeitsplätzen schreiten, treffen werden die Konsequenzen im Regelfall nicht die Besserverdienenden, sondern wiederum die Niedriglohnjobber.

Und noch ein Problem bleibt viel zu oft unberücksichtigt: die Schattenwirtschaft. Während die Schwarzarbeit im vergangenen Jahrzehnt fast jedes Jahr rückläufig war, kann dies für 2015 zum ersten Mal seit langem nicht prognostiziert werden. Verantwortlich zeichnet hierfür der Mindestlohn. In Branchen wie der Gastronomie oder der Bauwirtschaft, in denen viele Niedriglohnjobber arbeiten, erhöht der Mindestlohn die Lohnkosten der Arbeitgeber zusätzlich. Dies wird die Motivation der Arbeitgeber steigern, am Fiskus vorbei zu wirtschaften und Schwarzarbeiter zu beschäftigen.

Ursprünglich war für 2015 aufgrund der stabilen Wirtschaftslage ein weiterer Rückgang der Schwarzarbeit vorausgesagt. Der Mindestlohn führt nun aber dazu, dass stattdessen eher 1,5 Mrd. Euro zusätzlich durch Schwarzarbeit verdient werden. Im Endeffekt bleibt dadurch der Umfang der Schattenwirtschaft dieses Jahr unverändert.