Die Lohnpfändung ist die häufigste Form der Zwangsvollstreckung: Für viele Schuldner ist das Arbeitseinkommen die einzige regelmäßige Einnahme. Für den Arbeitgeber bedeutet ein Pfändungsbeschluss vor allem Pflichten – er wird zum Drittschuldner, muss Fristen einhalten, den pfändbaren Betrag korrekt berechnen und an den Gläubiger abführen. Fehler gehen schnell ins Geld, denn im schlimmsten Fall zahlt der Arbeitgeber doppelt. Wir zeigen, was nach der Zustellung zu tun ist und worauf Sie in der Lohnabrechnung achten müssen.
Das Wichtigste in Kürze Stand: Oktober 2026
- Ab der Zustellung des Pfändungsbeschlusses darf der pfändbare Teil des Lohns nicht mehr an den Mitarbeiter ausgezahlt werden.
- Die Drittschuldnererklärung muss innerhalb von zwei Wochen nach Zustellung beim Gläubiger sein (§ 840 ZPO).
- Seit 1. Juli 2026 sind monatlich 1.587,40 € netto unpfändbar, mit jeder Unterhaltspflicht mehr; über 4.866,30 € ist das Einkommen voll pfändbar.
- Bei mehreren Pfändungen gilt die Rangfolge nach Zustellungszeitpunkt; Unterhaltsgläubiger haben einen erweiterten Zugriff (§ 850d ZPO).
- Die Kosten der Bearbeitung trägt der Arbeitgeber selbst.
Was passiert bei einer Lohnpfändung?
Hat ein Gläubiger einen Vollstreckungstitel gegen Ihren Mitarbeiter – etwa ein Urteil oder einen Vollstreckungsbescheid –, kann er beim Vollstreckungsgericht einen Pfändungs- und Überweisungsbeschluss (PfÜB) beantragen. Mit der Pfändung (§ 829 ZPO) wird der Lohnanspruch des Mitarbeiters beschlagnahmt; mit der Überweisung darf der Gläubiger den pfändbaren Teil direkt beim Arbeitgeber einziehen. Der Arbeitgeber ist damit Drittschuldner: Er schuldet den Lohn nicht mehr allein dem Mitarbeiter, sondern in Höhe des pfändbaren Betrags dem Gläubiger.
Ein Widerspruchsrecht hat der Arbeitgeber nicht. Das Gericht prüft beim Erlass auch nicht, ob die Forderung des Gläubigers tatsächlich besteht – das ist Sache zwischen Gläubiger und Schuldner. Der Arbeitgeber prüft nur, ob der Beschluss formal wirksam zugestellt wurde und ob er die richtige Person betrifft.
Pfändungsbeschluss erhalten: Ablauf in fünf Schritten
Zustellung dokumentieren
Wirksam wird die Pfändung mit der Zustellung durch den Gerichtsvollzieher an den Arbeitgeber. Notieren Sie Datum und Uhrzeit – bei mehreren Pfändungen entscheidet dieser Zeitpunkt über die Rangfolge. Eine bloße Mitteilung des Gläubigers per Brief oder Anruf löst keine Pflichten aus.
Zeitpunkt = Rang
Beschluss prüfen
Betrifft der Beschluss Ihren Mitarbeiter (Name, Anschrift, Geburtsdatum)? Sind Gericht, Aktenzeichen und Forderungshöhe angegeben? Enthält er neben der Pfändung auch die Überweisung? Ohne Überweisungsbeschluss wird nur einbehalten, nicht ausgezahlt.
Auszahlung sofort anpassen
Ab Zustellung darf der pfändbare Anteil nicht mehr an den Mitarbeiter fließen. Steht die nächste Lohnzahlung unmittelbar bevor, muss die Abrechnung noch angepasst werden. Wer trotzdem voll auszahlt, muss den pfändbaren Betrag an den Gläubiger ein zweites Mal zahlen.
Sonst droht Doppelzahlung
Drittschuldnererklärung binnen zwei Wochen
Wenn der Beschluss Sie dazu auffordert, müssen Sie dem Gläubiger innerhalb von zwei Wochen nach Zustellung die Fragen nach § 840 ZPO beantworten (Details unten).
Frist: 2 Wochen ab Zustellung
Monatlich berechnen und abführen
Mit jeder Lohnabrechnung wird der pfändbare Betrag neu ermittelt und an den Gläubiger überwiesen – bis die Forderung samt Zinsen und Kosten getilgt ist oder der Gläubiger die Pfändung zurücknimmt.
Vorpfändung: Der Gläubiger kündigt die Pfändung an
Um sich einen guten Rang zu sichern, kann der Gläubiger vorab eine Vorpfändung (vorläufiges Zahlungsverbot, § 845 ZPO) zustellen lassen. Er darf sie selbst ausstellen, zugestellt werden muss sie aber durch den Gerichtsvollzieher. Ab Zustellung muss der Arbeitgeber den pfändbaren Betrag einbehalten, darf ihn aber noch nicht an den Gläubiger zahlen. Folgt innerhalb eines Monats der Pfändungsbeschluss, wird der einbehaltene Betrag an den Gläubiger abgeführt – und der Rang richtet sich nach der Vorpfändung. Kommt kein Beschluss, verliert die Vorpfändung ihre Wirkung und der Betrag wird an den Mitarbeiter ausgezahlt.
Die Drittschuldnererklärung
Fordert der Beschluss Sie dazu auf, müssen Sie dem Gläubiger binnen zwei Wochen nach Zustellung schriftlich mitteilen:
Weitere Auskünfte – etwa zu Unterhaltspflichten, Gehaltshöhe oder Kontoverbindung des Mitarbeiters – schulden Sie dem Gläubiger nicht. Wer die Erklärung nicht, verspätet oder falsch abgibt, haftet dem Gläubiger für den daraus entstehenden Schaden, zum Beispiel für die Kosten einer unnötigen Klage.
Wie viel ist pfändbar? Freibeträge ab 1. Juli 2026
Dem Mitarbeiter muss ein Existenzminimum bleiben. Die Freibeträge nach § 850c ZPO werden jedes Jahr zum 1. Juli angepasst; die aktuellen Werte gelten bis 30. Juni 2027. Maßgeblich ist, wie vielen Personen der Mitarbeiter gesetzlich Unterhalt gewährt:
Liegt das Nettoeinkommen über dem Grundbetrag, ist der Mehrbetrag nur teilweise pfändbar – je nach Unterhaltspflichten bleiben dem Mitarbeiter 3/10 bis 9/10 davon. Was über 4.866,30 € im Monat hinausgeht, ist voll pfändbar. In der Praxis lesen Sie den Betrag aus der amtlichen Pfändungstabelle ab. Die vollständige Tabelle, ein Rechenbeispiel und die Entwicklung der letzten Jahre finden Sie in unserem Beitrag zu den Pfändungsfreigrenzen.
Welche Lohnbestandteile sind unpfändbar?
Bevor die Tabelle angewendet wird, werden bestimmte Bezüge aus dem Einkommen herausgerechnet (§ 850a ZPO). Andere werden hinzugerechnet:
Für die Berechnung gilt seit dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 17.04.2013 (10 AZR 59/12) die Nettomethode: Die unpfändbaren Bezüge werden mit ihrem Bruttobetrag abgezogen; Steuern und Sozialversicherungsbeiträge werden nur so weit abgezogen, wie sie auf das verbleibende Einkommen entfallen. Der pfändbare Nettolohn ist deshalb nicht identisch mit dem Auszahlungsbetrag auf der Lohnabrechnung. Schritt für Schritt erklärt im Beitrag Lohnpfändung richtig berechnen. Mehr zu den Zuschlägen lesen Sie unter Sonn- und Feiertagszuschläge.
Mehrere Pfändungen: Wer wird zuerst bedient?
Es gilt das Prioritätsprinzip (§ 804 Abs. 3 ZPO): Der Gläubiger, dessen Pfändung – oder wirksame Vorpfändung – zuerst zugestellt wurde, erhält den pfändbaren Betrag, bis seine Forderung samt Zinsen und Kosten getilgt ist. Erst danach kommt der nächste Gläubiger zum Zug. Eine Lohnabtretung, etwa an eine Bank, rangiert nach ihrem Abtretungsdatum ebenfalls in dieser Reihenfolge.
Ist die Rangfolge unklar, darf der Arbeitgeber den pfändbaren Betrag beim Amtsgericht hinterlegen (§ 853 ZPO) und ist damit von seiner Zahlungspflicht befreit; verlangt ein Gläubiger die Hinterlegung, muss er es sogar. Das Gericht übernimmt dann die Verteilung.
Sonderfall Unterhaltspfändung
Pfändet ein Unterhaltsgläubiger – etwa für ein Kind oder den früheren Ehepartner –, gilt § 850d ZPO statt der Pfändungstabelle. Das Vollstreckungsgericht legt im Beschluss fest, welcher Betrag dem Mitarbeiter mindestens bleiben muss (notwendiger Selbstbehalt). Dieser liegt meist deutlich unter den Tabellenwerten. Außerdem darf der Unterhaltsgläubiger auf Teile der sonst unpfändbaren Bezüge zugreifen: Von der Überstundenvergütung sind dann drei Viertel pfändbar statt der Hälfte.
Treffen eine Unterhaltspfändung und eine gewöhnliche Pfändung zusammen, hat der Unterhaltsgläubiger im sogenannten Vorrechtsbereich – dem Betrag zwischen Selbstbehalt und Tabellenfreibetrag – Vorrang, auch wenn seine Pfändung später kam. Diese Konstellation ist fehleranfällig; im Zweifel sollte die Berechnung geprüft oder der Betrag hinterlegt werden.
Haftung und Kosten für den Arbeitgeber
Rechnet der Arbeitgeber falsch, haftet er in beide Richtungen: Zahlt er dem Mitarbeiter zu viel aus, kann der Gläubiger den Fehlbetrag vom Arbeitgeber verlangen. Zahlt er dem Mitarbeiter weniger als den unpfändbaren Betrag, muss er die Differenz nachzahlen – und das zu viel an den Gläubiger Gezahlte selbst zurückfordern. Besonders häufig passiert das, wenn eine neue Unterhaltspflicht, die jährliche Anpassung zum 1. Juli oder ein unpfändbarer Zuschlag übersehen wird.
Den Aufwand für die Bearbeitung trägt der Arbeitgeber selbst: Er hat keinen gesetzlichen Anspruch auf Erstattung, weder gegen den Gläubiger noch gegen den Mitarbeiter. Eine Kostenpauschale per Betriebsvereinbarung ist nach dem Bundesarbeitsgericht unwirksam (BAG, 18.07.2006 – 1 AZR 578/05). Ob eine entsprechende Klausel im Arbeitsvertrag hält, ist rechtlich unsicher und muss einer AGB-Kontrolle standhalten.
Praxis-Tipp: Behandeln Sie Pfändungen vertraulich und geben Sie die Unterlagen nur an die Personen weiter, die sie für die Lohnabrechnung brauchen. Eine Lohnpfändung ist für sich genommen kein Kündigungsgrund; nur wenn sehr viele Pfändungen den Betriebsablauf erheblich stören, kann im Ausnahmefall etwas anderes gelten. Prüfen Sie außerdem zu jedem 1. Juli, ob die neuen Freibeträge im Abrechnungsprogramm hinterlegt sind.
Wann endet die Lohnpfändung?
Die Pfändung endet, wenn die Forderung vollständig getilgt ist oder der Gläubiger auf seine Rechte verzichtet – lassen Sie sich das schriftlich bestätigen, bevor Sie wieder voll an den Mitarbeiter auszahlen. Endet das Arbeitsverhältnis, endet zunächst auch die Pfändung. Stellen Sie den Mitarbeiter jedoch innerhalb von neun Monaten erneut ein, erfasst die alte Pfändung automatisch auch das neue Arbeitsverhältnis (§ 833 Abs. 2 ZPO).
Wird über das Vermögen des Mitarbeiters das Insolvenzverfahren eröffnet, dürfen einzelne Gläubiger nicht mehr vollstrecken. Pfändungen, die im letzten Monat vor dem Insolvenzantrag erwirkt wurden – bei Verbraucherinsolvenz in den letzten drei Monaten –, werden unwirksam (§ 88 InsO). Der pfändbare Betrag geht dann an den Insolvenzverwalter bzw. Treuhänder.
Checkliste für Arbeitgeber
- Datum und Uhrzeit der Zustellung notiert?
- Beschluss geprüft: richtiger Mitarbeiter, Gericht, Aktenzeichen, Pfändung und Überweisung?
- Auszahlung des pfändbaren Betrags an den Mitarbeiter sofort gestoppt?
- Drittschuldnererklärung innerhalb von zwei Wochen abgegeben?
- Unterhaltspflichten des Mitarbeiters bekannt und aktuell?
- Unpfändbare Bezüge (Überstunden, SFN-Zuschläge, Weihnachtsgeld) korrekt herausgerechnet, Sachbezüge hinzugerechnet?
- Rangfolge bei mehreren Pfändungen und Abtretungen festgehalten?
- Neue Freibeträge zum 1. Juli im Abrechnungsprogramm hinterlegt?
- Erledigung der Forderung schriftlich bestätigt, bevor wieder voll ausgezahlt wird?
FAQ zur Lohnpfändung für Arbeitgeber
Pfändbaren Betrag berechnen, Rangfolge im Blick behalten, Freibeträge zum 1. Juli anpassen – Lohndirekt übernimmt die Bearbeitung von Lohnpfändungen im Rahmen Ihrer Lohnabrechnung. Sprechen Sie uns an.